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Element LUFT: den Alltag verlassen
Jodeln und andere magische Alpengesänge 

Betruf
Labgesang
Unter Jodeln versteht man das Singen auf Lautsilben ohne Bedeutung. Schon in vorgeschichtlichen Zeiten verständigten sich damit Waldarbeiter
und Hirten. Von Alm zu Alm ertönte der sogenannte Almschrei oder Juchizer mit dem sich die SennerInnen unterhielten. Mit dieser Stimmtechnik konnte man große Entfernungen akustisch überbrücken. Es gibt dazu weltweit in den Gebirgsregionen unterschiedliche Ausprägungen:
Diese Jodel-Verständigungsarten findet man u.a. noch bei den Inuit, den Sami (Joiken), den Pygmäen (Mokombi), im Kaukasus, China und in Schweden (Kulning). Im deutschsprachigen Alpenraum entwickelt sich momentan eine Renaissance des Jodelns, das lange Zeit nur noch Musikantenstadl-Niveau erreichte. Der Film Heimatklänge (Schweiz 2007) eröffnete neue Horizonte zum Verständnis dieser archaischen Stimme- und Musiktechnik. Künstler wie Hubert von Goisern (A), die Biermösl Blosn (D) und Noldi Alder (CH) sind die Pioniere einer neuen avantgardistischen  Jodelgeneration ohne Berührungsängste zu anderen Kulturen.

Der „Alperer“ (Noten und Video siehe unten) und der „Andachtsjodler“ gehören für mich zum Repertoire stimmungsvoller und be-geisterter alpenschamanischer Jahreskreisfeste, Zusammenkünfte und Kulte. Der Alperer ist für mich zu einem Sinnbild für die alpine Kommunikation mit Berggeistern geworden. Er taucht als Gestalt in einigen Sagen auf und wird als wild, riesig und furchteinflößend beschrieben – manchmal in seiner Erscheinung auch als Hund mit glühendem Schwanz oder feurigem Drachen – eine Imanation des Teufels, die sich insbesondere am Laurentiustag (10. August) oder dem Martinstag (11. November) zeigen. Eine interessante Analogie ergibt sich am Laurentiustag durch den Perseiden-Sternschnuppenschwarm, der in diesen Tagen zu beobachten ist und der auch als „die Tränen des Laurentius“ bezeichnet werden – eine feurige Erscheinung am Himmel.

Der Alperer soll den Sagen nach die über das Almjahr begangenen menschlichen Sünden im Herbst in die Hölle mitnehmen. Dieser Berggeist transformiert das Böse/Negative , in dem er es auf sich nimmt und sich dafür opfert. Er reinigt sich dadurch selbst. Ein wahrlich christlicher Aspekt und dennoch: er beschreibt das Wirken eines Berggeistes und so dürfen wir auch die Bedeutung des Untersbergs als ein Herzchakra der Erde verstehen. Auch er transformiert menschliches Leid, wenn wir uns ihm mit reinem Herzen nähern. Ein Beispiel aus der Neuzeit ist die Lebens- und Heilungsgeschichte von Hagen Böhnisch in Zusammenhang mit der Irlmaier-Madonna in der Almbachklamm. Hier schenkt ein heiliger Berg den Menschen sogar eine spirituelle Botschaft, die Botschaft vom Licht im Menschen (Berg des Lichts).
Im Brauchtum hat sich der Alperer am Michaelstag (29. September) in Tirol erhalten. Dort begleitet ein als Alperer verkleideter Bursche den Almabtrieb, der früher sogar nur Alberer genannt wurde.
Volkskundkler Dr. Hans Haid aus dem Ötztal schreibt über schamanische Wurzeln der Musik im Alpenraum:
Die Gabe der Musik gilt als Gabe der Jenseitigen. So widerspieglen die Sagen wesentliche Teile des Jenseitigen, Nicht-Erklärbaren, des Mythischen, der Anderswelt. Musik wird in diesem Zusammenhang überhöht und bewirkt kultische Höhepunkte. (...)
Mit der Gabe des Singens, Jodelns oder Pfeifens erhält der Senn oder der Hirtenknabe übermenschliche Fähigkeiten. Sogar übernatürliche Kräfte werden ihm zugeschrieben.

Haid erwähnt dann einen Schutzbann:
Dieser Bann (...) gelingt am leichtesten mit Hilfe der Musik.
Und dann resümiert er:
Es liegt auch nahe, in diesen beschwörend-magischen Gesängen und Weisen letzte Reste eines ehemals auch im inneren Alpenraum existenten Schamanismus erkennen zu können.

Zu meiner alpenschamanische Arbeit gehören Gesänge, Tönen und Jodeln seit einiger Zeit zum "Handwerkszeug".

Erde mein Körper
Wasser mein Blut
Luft mein Atem
Feuer mein Geist


Diese Seite ist ein Auszug aus meinem Buch