Mein Projekt “KultplatzhĂŒter” entstand durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Mythen, Kraftorten und KultplĂ€tzen meiner Heimat. In den nachfolgenden Texten habe ich die vom AK Bioregionalismus & SpiritualitĂ€t entwickelten Prinzipien und Hans Haids Worte zum Kult und Mythos in den Alpen als stimmige Darstellung und BegrĂŒndung meiner Absichten gefunden und ĂŒbernommen.
Ich hoffe, dass viele Menschen den Zugang zu diesem Projekt und seiner Notwendigkeit finden.

Rainer Limpöck
Oktober 2003

Orte der Kraft - Prinzipien eines sanften und nachhaltigen Umgangs

Sagen und Mythen sind fast immer mit bestimmten Orten, mit einer Region, verbunden. Sie beschreiben das Wesen besonderer, heiliger PlĂ€tze. Die Hinweise der Sagen und Mythen können zur Grundlage der eigenen Arbeit mit den Orten der Kraft werden. Im Zuge eines zunehmenden Mytho- und Kultplatztourismus wird immer hĂ€ufiger auf die negativen Folgeerscheinungen dieses Trends hingewiesen, der auch zu einer Verkommerzialisierung und Ausbeutung der starken PlĂ€tze fĂŒhrt(e). HeiligtĂŒmer, die vom mythischen Bewußtsein unserer Vorfahren zeugen, sollen fĂŒr die nach uns kommenden Generationen erhalten werden. Aus diesem Grund werden Touristen, die sich auf die Spuren der Mythen und KultplĂ€tze heften, ersucht, folgende Kriterien zu berĂŒcksichtigen, die fĂŒr eine sanfte, nachhaltige Nutzung der Orte der Kraft bedeutsam sind:

  • Entgegen einer weit verbreiteten Meinung sind Orte der Kraft nicht dazu da, um von ihnen Energie »zu holen«; sie sind keine Tankstellen fĂŒr ausgehungerte Seelen. Vielmehr benötigt der richtige Umgang mit diesen PlĂ€tzen den Prozeß des Gebens und Nehmens: Opfern und Danken ist untrennbar mit einer sinnvollen Kontaktaufnahme mit KultplĂ€tzen verbunden.
  • Nicht die QuantitĂ€t, sondern die QualitĂ€t entscheidet. In frĂŒheren Epochen wohnten die Menschen fast nie unmittelbar bei den Orten der Kraft. Sie zogen im Gefolge einer Wallfahrt oder Pilgerschaft hin, verrichteten ihre Zeremonien und zogen weiter. Wenn Sie unsere mythischen Orte besuchen, ist es oft sinnvoll, hinzugehen, zu spĂŒren, zu danken und wieder weiterzuwandern. Sie mĂŒssen die Orte der Kraft nicht belagern. Die von diesen PlĂ€tzen ausgehende Inspiration kann auch noch nach Tagen in einem Traum zu Ihnen kommen – wenn die Inspiration dies will; nicht, wenn Sie dies unbedingt wollen!
  • Heilige PlĂ€tze suchen HĂŒter, nicht Konsumenten. Wenn Sie wissen, daß Orte der Kraft durch Straßenbau oder geplante Kraftwerke etc. bedroht sind, engagieren Sie sich, um diese energetisch und geomantisch unverantwortlichen Vorhaben zu verhindern. Jeder vernichtete Kultplatz, jeder verwĂŒstete Ort, der von alten Mythen und Sagen kĂŒndet, ist ein spiritueller und oft auch ökologischer Raubzug auf Kosten unserer Kinder und Enkel.
  • Viele wundersame Orte sind Quellen der Kraft fĂŒr die Landschaft und die Einwohner einer Region. Bestimmte Wallfahrtskirchen oder FlurdenkmĂ€ler, die oft an geomantisch bedeutsamen Punkten stehen, sind Bezugspunkte fĂŒr die IdentitĂ€t der Bewohner; auch, wenn dieser Bezug oft unbewußt oder »nur« im emotionalen Bereich angesiedelt ist. Respektieren Sie bitte als Tourist die GefĂŒhle der heimischen Bevölkerung gegenĂŒber ihren heiligen Orten! Dann werden sich vermutlich auch die Einheimischen freuen, wenn Sie Interesse fĂŒr ihr Land zeigen.
  • Regional gebundene Orte der Sagen und Mythen sind nicht von der ĂŒbrigen Landschaft losgelöste »Höhepunkte« oder Sensationen. Jede Region bildet einen einheitlichen Lebensraum, in dem sich Ökologie, Wirtschaft, Geschichte und soziale Gegebenheiten mit spirituellem Brauchtum verbinden. Wenn Sie örtliche KraftplĂ€tze aufsuchen, dann fördern Sie bitte die dazu gehörende Region durch Einkauf bei den Bauern (»Direktvermarktung«) sowie in Gewerbebetrieben und GeschĂ€ften, die in regionaler Hand sind. So tragen Sie zu einer ganzheitlichen Revitalisierung der Region bei.
  • Seien Sie lernbegierig: Wenn Sie einen alten Kultplatz besichtigen – welche Geschichte hat er aufzuweisen? Welche Bedeutung hat(te) er fĂŒr die Geschichte der Region? Wird er heute noch genutzt? Welchen ganzheitlichen Stellenwert kann er fĂŒr die Region haben? BeschĂ€ftigen Sie sich bitte mit der Gegend, die Sie bereisen. Lernen Sie neben den Orten der Kraft auch Land und Leute kennen. So ĂŒberwinden Sie das trennende Teilwissen und gelangen zu echter ganzheitlicher Sicht.
  • Versuchen Sie nicht, von Einheimischen zwanghaft Hinweise auf Felsritzungen und mythische PlĂ€tze zu erhalten. Es gibt viele solcher Orte, die auch heute noch von einer Familie oder einem kleinen Ortsteil »genutzt« werden bzw. einzelnen als Orte der Besinnung dienen. Lassen Sie es zu, daß diese »stillen« Orte der Kraft im Schatten des Geheimnisses bleiben und nicht in das Licht der allgemeinen Bekanntheit rĂŒcken. Gerade heute, wo wir einen regelrechten Kultplatzboom haben, benötigen wir solche stillen PlĂ€tze, die Sie ohnehin rufen, wenn es so sein soll. BeschrĂ€nken Sie sich bitte auf die bekannten PlĂ€tze und auf das, was Ihnen der »Zufall« oder die Inspiration weisen.

Seien Sie kein Kultplatz-Vampir und kein Mytho-Zombie! Unsere Zeit verlangt auch im Bereich des Mytho-Tourismus und Kraftplatzbooms den respektvollen, mĂŒndigen, verantwortlich handelnden Menschen! Die Einwohner einer Region und Ihre eigenen Nachkommen werden es Ihnen danken!

Diese Prinzipien zum sanften, nachhaltigen Umgang mit den Orten der Kraft wurden vom Arbeitskreis fĂŒr Bioregionalismus und spirituelle Ökologie (Bad Aussee) im August 1995 erstellt.

Kontaktadresse:
AK Bioregionalismus & Spirituelle Ökologie, Grubenstr.15, A-8990 Bad Aussee, Tel. 03622/53016

 

Es bahnen sich zweierlei Extreme an. Zuerst ist es die weitere Mutation und Degeneration des Älplers, die folkloristisch-touristische Raffgier, das weitere Erbauen von Aufstiegshilfen in die höchsten und schönsten Gebirgsregionen , “das Erschließen” letzter Ferner-Schönheiten, das geistige VerkĂŒmmern der massentouristisch begrenzten Hoteliers-Hirne, das Dahinweichen des Geistes und der Poesie sowie das erschreckende Zunehmen der neuen “Kulte” in den Alpen mit Snow-Mythos und Betten-Wahn, allesamt eingebunden in eine neue Sehnsucht des Menschen nach Wurzeln und Geborgenheit, nach der Wiedergewinnung der eigenen Überschaubarkeit und Gestaltbarkeit. Wehe aber diesen Snow-Helden und miserablen Heimatzerstörern!....
...Was wird dem gegenĂŒberstehen? Ein intensives Wurzelsuchen, ein bestĂ€ndiges Nachforschen, ein Wiederentdecken alter Steine, Mahnmale, Bergweisheiten, KrĂ€uterkundigkeiten und Überlebensmöglichkeiten.
Es wird sich ein ungeheures Anwachsen der KULTUR- und BÜRGERINITIATIVEN ergeben, zwangslĂ€ufig, wegen der notwendigen Konfrontation mit den uneinsichtigen Brutalzerstörern.
Diese ĂŒber die ganzen Alpen und solidarisch in alle UrlaubslĂ€nder sich wie im Schneeballsystem ausbreitende MÜNDIGKEIT & EMANZIPATION wird immer mehr erstarken und wird etablierten Organisationen nach und nach den Garaus machen. Tausende junger Menschen werden wurzelsuchend die STARKEN PLÄTZE der Regeneration und des Krafttankens aufsuchen, werden sich hundertfach zusammenschließen und ein neues Leben erproben: auf Almen beim KĂ€semachen und Geistergeschichten erzĂ€hlen; beim Tanz um Mythos und Schalenstein. Und es kann von dieser postmateriellen Denkweise und von diesem ANDEREN LEBEN eine neue Kraft ausgehen.
Wir stehen am Beginn einer Entwicklung.
Wenn unsere WĂ€lder und BergtĂ€ler, Almen und AlpenrosenstrĂ€ucher, Farne und Arnikawiesen tot sind, ökologisch tot und vergiftet, wenn unsere Parade-Tourismus-FolkloreĂ€lpler ebenfalls tot sind, also hoffnungslos degeneriert, geistig-musisch tot, dann ist die Chance gekommen fĂŒr MYTHOS & KULT in den Alpen.
Wir erleben eine neue Zeit.

 

Hans Haid - Mythos und Kult in den Alpen, 1990 - Verlag rosenheimer