Alpenschamanisches auf der Alm - 2

Es sollte ein beschauliches Almwochenende werden - auch in der Voraussicht, dass wir wetterbedingt uns innen gut einheizen mußten.Und außerdem ein Wochenende getragen von besonderen Naturkräften:
dem Vollmond, der Herbsttagundnachtgleiche (keltisches Mabonfest) und einem Feiertag zu Ehren der Drei Bethen, wie er heute noch im südtiroler Meransen begangen wird.
Und was wurde daraus? Lest selbst....
Der Freitag begann ungewöhnlich warm und sonnig  - es lag etwas in der Luft. Und so traf sich ein bunter Haufen wiedermal bei Saalbach bei unserem Bauernhof, um das Gepäck in Waldläufers Allrad-Jeep umzuladen und zur Herzalm aufzusteigen. Einzelne Tropfen wiesen uns auf den Wetterwechsel hin, doch war der Aufstieg noch trocken. Die Wettergeister um uns herum grollten, die Berge hüllten sich in Wolken. Ein Gewitter empfing uns bei der Alm und im Schein der Taschenlampen und der Blitze suchten wir unsere Schlafplätze.
Ich hatte vorher noch Gelegenheit nach dem Medizinrad auf der Almwiese zu sehen und ein paar Steine "geradezurücken". Würden wir überhaupt an diesem Wochenende an jenem Kraftort uns einfinden können?
Das Geschlechterverhältnis war ausgeglichen und alte (60 %) und neue (40%) Almgäste versprachen eine gesunde Mischung. Und eine Norwegerin aus samischer Tradition, die auf einen ungewöhnlichen Weg hierhergefunden hatte und kurzfristig eine Belegungslücke füllte, versprach eine interessante Begegnung.
Diesmal gab es auch eine Umverteilung des Kochdienstes, so dass auch unsere Almchristine sich mehr in das Zusammensein einbringen konnte.
Nach Davids Alm(Alpen-)Segen und Christines Begrüßungsessen (Pinzgauer Kartoffelkräutersuppe im Brot serviert und anschließendem Gselchtem mit Sauerkraut) wurde unserer Almchefin das Gemälde vom Herzengel zeremoniell überreicht: unser Dank, für ihre aufopfernden Dienste. Und der Almaltar leuchtete diesmal noch heller als sonst.
Doch das Leuchten (in unseren Augen) sollte noch größer werden, denn der Waldläufer hatte eine CD mitgebracht - und darauf war ein neuvertontes Lied: das Lied der Alpenschamanen - das Große Herz. Eine einfache und sehr eingängige Melodie, ein starker Rhythmus und die bereits bekannten Worte, die ein neues Zeitgefühl symbolisieren.
Da war plötzlich bei allen das Gefühl, bei einer Art Sternstunde dabeigewesen zu sein. Da existierte ein Lied, was zum Träger einer Botschaft geworden ist. Es begleitete uns folglich durch das ganze Wochenende.
Christines Karmakarten ließen jeden einzelnen ein Stück seines Weges erkennen - und ich fand mich in "Glück und Kreativität" wieder....
Schließlich ertönten unsere Trommeln und ich denke, die Schamanenalm flog in dieser Zeit hinauf zum Großen Geist. Die Stimme von Hanna - der Samin - schien zudem über all jenen mächtigen Trommeltönen zu schweben - als ein verbindendes Element zwischen den schamanischen Kulturen und Traditionen.
Es wurde eine lange Nacht und der Almglühweinpunsch ließ uns vergessen, dass es draussen immer ungemütlicher wurde.
Kälte und Regen ließen die Schlafsäcke am folgenden Morgen lange Zeit geschlossen bleiben. Das Frühstücksbuffet erstrahlte im Kerzenlicht und durch die von allen mitgebrachten Speisen. Und damit begann ein Tag der Rituale. Angefangen von dem kurzen Regenausflug auf die nassen Almwiesen und einer Morgengymnastik unter einem Baumdach, ging es weiter über eine geführte schamanische Reise in der wohlig beheizten und geräucherten Alm, in der sich viele alte und neue Krafttiere einstellten, zu humorigen schamanischen Hüttenspielen, in denen Wahrnehmung und Achtsamkeit geübt wurden bis zur Bedeutung des Mayakalenders für die Tagesenergie.
Und schließlich fand ein Medizinrad in Form des Keltenrads seinen Platz am Almtisch. Ein kleines - fast unscheinbares Ritual, dessen Bedeutung ich erst viel später erkannte.
Wünsche, Bitten und Visionen wurden jetzt in dem entstandenen heiligen Raum den Geistern übergeben.
Und im Tagesverlauf konnten wir beobachten, wie die Schneegeister immer weiter zu unserer Alm hinunter wanderten.
Am nächsten Morgen bedeckte eine dünne Schneedecke die Almwiesen und die Almterrasse.P1010053
Nach dem wir die Alm und uns gereinigt und zusammengepackt hatten, trafen wir uns draussen zur Schlußrunde am Medizinrad.
Das Fohlen, das uns schon im Sommer begrüßt hatte, war auch diesmal wieder dabei. Und wieder zog es jenes Tierkind magisch in den heiligen und kraftvollen Kreis des Medizinrads. Und wieder war es für uns ein Lehrstück für Achtsamkeit, denn es wollte einfach im Kreis bleiben und knabberte uns neugierig und verspielt immer wieder an. Erst als wir zu Singen und Tönen begannen, veränderte sich die erregte Atmosphäre. Wir waren alle noch beeinflußt von den vergangenen Stunden und Tagen.
Es fiel uns nicht leicht Abschied zu nehmen und noch dazu schimmerte die Sonne etwas durch die Wolken und die Nebegeister tanzten durch das Saalbacher Tal zu unseren Füßen.
Als wir begannen, uns seelisch zu sammeln und loszulassen, begann das Fohlen neben uns friedlich zu grasen. Ja, der Almfriede nahm nun Platz in unseren Herzen und ich bat die Almgäste, den Geist jener Herzlalm mit nach Hause zu nehmen und weiterwirken zu lassen.
Was habe ich diesmal mitgenommen?
Neue Visionen, einen Ohrwurm, ein Tischmedizinrad, ein fast geheiltes Knieleiden, einen starken Traum und wunderschöne Erinnerungen.
Und die Kraft der Herzalm.
Ich danke den Geistern der Vier Winde, des Himmels und der Erde.
Ich danke den Schneegeistern für ihr eindrucksvolles Schauspiel
und allen Gästen, die zu jenem Almfest der Sinne beigetragen haben.