Bethruf an den Untersberg
(schamanischer Alpsegen)

Heiliger Untersberg, der du die Percht in dir trägst,
bewahre uns vor Unglück, Krankheit und Not.

Ich ziehe den goldenen Ring
zum Schutz für all die Menschen und Wesen in unserer Mitte.

Ich rufe die Drei Saligen
und erbitten ihren Segen und Schutz für die Kinder von Mutter Erde.

Lobet das Murmeltier, den Hirsch, den Adler und die Gams
- die Tiere der Berge, die uns Kraft geben.
Lobet die Kräuter der Wiesen und Almen.
Lobet das lebendige Wasser deiner Quellen.
Lobet deine mächtigen raunenden Bäume.
Lobet das stille Wirken deiner Steine und Felsen.
Lobet den Kreis der Großen Sieben.

Ich grüße das alte Volk,
das in den Mythen und unseren Herzen weiterlebt.


Weißer Adler, 7.11.2009

Bei den Recherchen zu einem meiner Vorträge kam mir der Hinweis auf ein 2007 erschienenes Buch namens „Der Betruf“ der Druckerei buch_betruf_600Appenzeller Volksfreund unter – es ist derzeit auch nur direkt von dort zu beziehen. Bereits in meinem Buch „Die Zauberkraft der Berge“ gehe ich unter der Bedeutung magischer Alpgesänge auf jene archaische Gebetsvariante ein.
Was macht nun den Betruf für den schamanisch Tätigen so interesant?
In den zahlreichen überlieferten und gesammelten Betruftexten gibt es Hinweise auf magische Techniken wie das „Kreisziehen“ (Schutz- und Bannkreis) und die Anrufung höherer Mächte. Der heute in der Innerschweiz sehr lebendig gebliebene Brauch entstammt einem heidnischen Rinderritus, was den praktizierenden Älplern aber kaum noch bekannt ist.
Der Autor Tonisep Wyss-Meier sammelte über 20 Jahre Betruf-Texte, befragte Älpler und hunderte Bergpfarreien. Er ging dabei feldfoschungsmäßig vor und seine Ergebnisse und Erkenntnisse sind eindrucksvoll und werfen ein neues Licht auf den Betruf.
Die heutigen Betruftexte sind angefüllt von „Ave Maria“, Lobpreisungen des Herrn und Anrufungen verschiedener katholischer Schutzheiliger.
Ethymologisch weist er dann nach, dass jene Schweizer Lobpreisungen ursprünglich nicht dem Herrgott galten, sondern dem „Lobeli“ (Appenzeller Dialektform für „Kuh“), dem „Lioba“ oder dem „Laubi“ - allesamt dialektische Namen für die Kuh.

“Der sicherste Beweis für das prähistorische Alter (von Betruftexten) ist das Wort „Lobe“, ein vorrömisches Wort einer vorkeltischen Sprachschicht im Alpengebiet.” (T. Wyss-Meier)
Das Überleben und das Wiederaufblühen jener archaischen Anrufungen führt er auf die starke Naturverbundenheit der Älpler zurück.
In vielen Texten liest man/frau von den „goldenen Ringen“, in denen sich sogar Teile der heiligen Familie – Maria und Jesus – sich wiederfinden. Denn offenbar gab es außerhalb des Kreises eine größere Macht – die der Natur. Dies erinnert an das aus fast allen Kulturen bekannte magische Kreisziehen.
In einigen Schweizer Regionen wird der Betruf in alle vier Himmelsrichtungen gerufen. Soweit der Ruf zu hören war, soweit sollte er auch wirken. Der Autor definiert den Betruf schließlich als einen magische Segen, den nicht etwa die Priester zelebrierten, sondern die Sennmeister (nicht zu verwechseln mit Zenmeister …), eben jene Menschen, denen Tier und Mensch auf den Almen anvertraut waren und die in der Bergeinsamkeit überleben mussten.
Der Betruf war also einst eine Anrufung der Kuh, als heiliges Tier, welches es heute noch in Indien ist.Betruf-Balmer

Wenn der Betruf von jenen christlichen Einfärbungen befreit wird, kann er wieder zu einem schamanischen Alpsegen werden. Mein Bethruf an den Untersberg verstehe ich im Lichte neuester Erkenntnisse. Denn eines fehlte mir in den Ausführungen von Tonisep Wyss-Meier:
die etyhmologische Ableitung des Begriffes Beten. Unter anderem Keltenexperte Dr. Georg Rohrecker führt es zurück auf die Drei Bethen: Wilbeth, Borbeth und Ambeth, der keltischen Muttergöttinnentrinität, was demnach soviel bedeutet wie „die Göttin anrufen“.
Und damit „die Bethen anrufen“ ---> Betruf. Ich verwende nun bewusst wieder den Namen mit „h“ - also Bethruf.
Während sich jener Bethruf nur im Schweizer Raum und nur in wenigen Regionen Österreichs und Bayerns nachweisen lässt, bleibt die Frage, ob es in den anderen Alpenländern nicht auch ähnlich archaische Gebetsformen nachzuweisen gibt.
Hier bleibt mir derzeit nur der Hinweis eines Mythologen, der den Alpererjodler in seiner „Dreistimmigkeit“ und „Dreimaligen Wiederholung“ als Lobgesang an die Drei Bethen erkennt.
Auch wenn Bethruf und Jodeln doch recht unterschiedlich in der Intonierung sind, so lassen sich dennoch Ähnlichkeiten feststellen.

In meinem Untersbergbethruf (siehe oben) habe ich einerseits seinen weiblichen Innen-Aspekt, wie er sich aus den Sagen und neueren schamanischen Reisen ergibt, berücksichtigt, wie auch unser Schutzkreisziehen in der schamanischen Arbeit und das Ehren unserer Krafttiere und der Naturwesenheiten. Schließlich beinhaltet er jenen Hinweis auf den geheimnisvollen Kreis der Großen Sieben und den Gruß an das mythische alte matriachale Volk, wie es die Matriachatsforscherin Dr. Heide Göttner-Abendroth am Untersberg erkennt.